Der diesjährige Advent beginnt am Sonntag, 30. November 2025. Die Adventszeit lädt uns ein, das Alte Testament als „Klangraum des Neuen Testaments“ zu entdecken: Das Alte Testament klingt im Neuen nach. Unter den vielen Propheten des Alten Bundes, die im Neuen Bund nachklingen, ragt Jesaja hervor. Oft als „Prophet des Heilsgeschehens“ bezeichnet, könnte man ihn sogar als „fünften Evangelisten“ betrachten: Er schreibt im Vorblick auf das Leben Jesu und vertieft so unseren Blick auf die Ereignisse der Geburt und des Auftretens des Gottessohnes, ja, sogar auf sein Leiden.
Der Prophet Jesaja lebte in einer Zeit politischer Unsicherheit und sozialer Umbrüche. Israel war geteilt in ein Nordreich und ein Südreich, die mächtigen Reiche der Assyrer und später der Babylonier drohten, Israel zu erobern. In dieser brenzligen Situation, als die Assyrer mit ihrer immens effektiven Kriegsmaschinerie vor den Grenzen stehen, ist das Volk Gottes versucht, sich auf eigene Macht und Bündnisse mit anderen, kleinen Reichen oder mit den Ägyptern zu verlassen. Dies vor Augen erhebt Jesaja seine Stimme nicht nur gegen Ungerechtigkeit, die die herrschende Schicht den Kleinbauern und Tagelöhnern ausübt, sondern vor allem gegen das Verlassen der Hoffnung auf Gott.
Seine Botschaft ist klar: Gott selbst greift ein, er sendet ein Kind, das Friedefürst genannt wird (Jes 9,5–6): „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids“. Hier spricht Jesaja schon vom Fleisch gewordenen Wort, das Jahrhunderte später in Bethlehem Mensch werden wird. Damit ist er, wie die Evangelisten, Vorbote der Menschwerdung Jesu Christi, er bereitet die Herzen auf das Kommen des Messias vor.
Der Advent ist eine Zeit des Wartens auf den Friedefürsten Jesus Christus. Jesaja kündigt ihn nicht nur an, sondern beschreibt seine Wirkung. Im Evangelium wird dieser Friede in Jesus erfüllt – nicht als politische Herrschaft, sondern als Versöhnung zwischen Gott und Mensch. Jesaja wirkt hier tatsächlich wie ein fünfter Evangelist: Er erzählt die gute Nachricht, das Evangelium vom Erlöser, Jahrhunderte, bevor der Heiland in Bethlehem geboren wird (Lk 2,11). So ist das Alte Testament als „Klangraum des Neuen Testaments“ zu verstehen: Sprache, Bilder und Botschaft klingen wie in einem Resonanzraum nach.
Ein Bibelwort aus dem Propheten Jesaja (Jes 60,2.3) ist Grundlage des Gottesdienstes am Sonntag, 30. November 2025, am 1. Advent.
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2. Advent: Gottes Licht kommt – mitten in unsere Welt
3. Advent: Johannes der Täufer - Wegbereiter Christi
4. Advent: Ein Stern aus Jakob
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