13.08.2026

Vom Ehrenamt zum Bezirksapostel

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Vom Vizedirigenten im Gemeindechor bis an die Spitze der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland: Bezirksapostel Martin Rheinberger blickt im Interview auf seinen persönlichen Weg, die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Ehrenamt sowie auf seine heutige Verantwortung zurück. Heute ist er nicht nur für die Gemeinden in Süddeutschland verantwortlich, sondern auch für Gemeinden in rund 30 Ländern.

Kindheit und Jugend

Seit wann sind Sie neuapostolisch?

Meine Mutter und mein Vater waren schon neuapostolisch. Ich bin daher von Kind an neuapostolisch.

Wofür sind Sie Ihren Eltern besonders dankbar, was Ihre religiöse Erziehung betrifft?

Meiner Mutter bin ich sehr dankbar, dass sie mir den Respekt vor der Kirche und vor den Amtsträgern gelehrt hat. Sie hat nie ein ungutes Wort über Amtsträger gesagt. Und mein Vater hat mich gelehrt, meinen Verstand zu nützen und Dinge auch zu hinterfragen.

Sie sind mit 14 Jahren in der Neuapostolischen Kirche konfirmiert worden und haben ab diesem Zeitpunkt die eigenständige Verantwortung für Ihren Glauben übernommen. Was hat Sie in der Kirche gehalten?

Mich hat schon als Kind und Jugendlicher die Kirche immer fasziniert. Ich bin freiwillig und gerne in die Kirche gegangen. Ich war beeindruckt von der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin: eine kleine Gemeinde. Ich habe mich da sehr wohl gefühlt und hatte auch den einen oder anderen Freund. In der Jugend hat mich dann gehalten, dass ich Freunde hatte in der Jugend. Ich mochte die Singstunden, die wir miteinander hatten. Das Miteinander in den Jugendabenden. Wenn wir an Feiertagen gemeinsam Jugendveranstaltungen hatten. Darauf habe ich mich sehr gefreut. 

Erstes ehrenamtliches Engagement in der Neuapostolischen Kirche

Haben Sie sich schon vor Ihrer ersten Amtstätigkeit ehrenamtlich in das Gemeindeleben oder in die Jugendarbeit eingebracht?

Ja, als Dirigent. Ich meine, ich habe mit 16, 17 Jahren meinen ersten Dirigentenkurs gemacht und war dann in dieser Aufgabe tätig. Wir nannten das damals Vizedirigent. Ich war kein besonders guter Dirigent, aber ich habe das sehr gerne gemacht.

Wie wurden Sie Dirigent?

Mich hat der damalige Vorsteher angesprochen. Und ich habe da gerne zugesagt, das hat mich sehr gefreut. Und da gab es damals tatsächlich schon Ausbildungen, Lehrgänge für angehende Dirigenten. An denen habe ich teilgenommen. Und das war gut! Das war für mich eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt dirigieren zu können.

Wie groß war Ihr Chor?

Ich habe den Gemeindechor dirigiert. Der hatte damals sicherlich 25 bis 30 Geschwister, die mitgesungen haben.

Wie war das, als Sie Ihr erstes Amt empfangen sollten? Was begleiten einen für Gefühle?

Es war an einem Mittwochabend. Ich kann mich da noch sehr gut daran erinnern. Nach dem Gottesdienst kam der damalige Bezirksevangelist zu mir und hat gesagt, ich muss noch mit dir reden. Und dann hat er mir gesagt, dass am kommenden Sonntag der Bezirksapostel Kühnle in Dornheim ist und dass ich da das Unterdiakonen-Amt empfangen soll. Ich habe gerne zugesagt. Es war dann noch ein bisschen lustig. Er hat mich angeguckt und gesagt: „Wie ist der Haarschnitt?“ Das war damals wichtig, dass man einen entsprechenden Haarschnitt hatte. (Lacht) Und dann hat er mich angeschaut und gesagt: „Ja, es geht, kannst du lassen.“ Das ist in Erinnerung geblieben. 

In Erinnerung ist auch geblieben, was Bezirksapostel Karl Kühnle anlässlich der Ordination gesagt hat. Es waren viele Brüder am Altar gestanden. Er hat da Timotheus 2, Vers 5 zitiert: „Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums.“ Und ich habe versucht, mich immer daran zu halten.

Ordination ins Priesteramt

1999 wurden Sie zum Priester ordiniert. Jetzt haben Sie – wie alle Amtsträger und Amtsträgerinnen der Neuapostolischen Kirche – kein Theologiestudium durchlaufen. Welche Ausbildung haben Sie absolviert, in welchem Beruf waren Sie tätig?

Ich habe nach Abitur und Bundeswehr Betriebswirtschaft studiert und war dann in verschiedenen Unternehmen tätig, vor allem im Finanzbereich sowie im Personalbereich. Zuletzt war ich 14 Jahre lang in einem mittelständischen Unternehmen tätig. Und ja, mir hat dieser Beruf sehr, sehr gut gefallen. Den habe ich sehr gerne ausgeübt.

Das heißt, Sie waren – wie der Großteil der Amtsträger und Amtsträgerinnen der Neuapostolischen Kirche – neben Ihrem Beruf ehrenamtlich als Priester für die Neuapostolische Kirche tätig. Wie haben Sie sich damals ohne Theologiestudium auf einen Gottesdienst vorbereitet?

Es gibt kein Theologiestudium für uns. Aber wir sind natürlich geprägt durch die vielen Gottesdienste. Das ist eine gewisse Vorbereitung, die wir erleben. Und dann gibt es bei uns in unserer Kirche die sogenannten Leitgedanken. Diese Leitgedanken sind eine monatlich erscheinende Schrift für alle Amtsträger und Amtsträgerinnen weltweit. Diese beinhalten Artikel für jeden Gottesdienst am Sonntag und am jeweiligen Wochentag. Erstellt hat diese ein Apostel, geprüft und abgenommen hat die Artikel der Stammapostel. Insofern muss ich mir das nicht alles aus den Rippen schneiden, sondern ich habe eine Grundlage. Damit kann man sehr gut Gottesdienste durchführen.

Das war die Vorbereitung auf eine Predigt. Wie sieht die Durchführung aus?

Wir glauben an die Wirkung des Heiligen Geistes in der Kirche. Wir haben kein Manuskript. Wenn wir die Predigt durchführen, führen wir die frei durch und hoffen und erleben das auch – das kann ich bestätigen –, dass der Heilige Geist wirkt und dass da Impulse aus dem Heiligen Geist kommen, die die Gemeinde braucht. Also, ich kann das wirklich bezeugen: oft bin ich erstaunt über das, was ich sage. Manchmal kommt dann eine Schwester oder ein Bruder nach dem Gottesdienst und sagt: „Genau das habe ich gebraucht!“ Und daran merke ich, dass der Heilige Geist in unserer Kirche wirkt. Dass ich ein Werkzeug in seiner Hand sein konnte. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Sie haben die Leitgedanken erwähnt. Wie unterstützt die Neuapostolische Kirche Süddeutschland Ihre ehrenamtlichen Amts- und auch Funktionsträger zusätzlich?

Bezirksapostel i.R. Michael Erich hat 2009 die Akademie der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland ins Leben gerufen. Das ist eine sehr wichtige Institution. Wir bieten Amtsträgern und Amtsträgerinnen Schulungen an. Inhaltlich kann es darum gehen: Wie bereite ich mich auf den Gottesdienst vor? Wie führe ich einen Gottesdienst durch? Wie führe ich Seelsorgegespräche? Oder wie verhalte ich mich in Konfliktsituationen? Und das ist meines Erachtens eine sehr gute Voraussetzung, um ein Stück weit befähigt zu sein, seine Aufgabe zu erfüllen.

Verantwortung für einen ganzen Kirchenbezirk

Sie haben später als Amtsträger der Neuapostolische Kirche auch Leitungsfunktionen übernommen. Erst für eine Gemeinde, später für ganze Bezirke mit mehreren Gemeinden. Wie viele Gemeinden waren das in Ihrem Bezirk und welche Strecken waren damit verbunden?

Ich wurde 2014 zum Bezirksältesten ordiniert und war dann Bezirksvorsteher des Kirchenbezirks Heilbronn. Ich wohne allerdings im Bezirk Ludwigsburg. Der Bezirk Heilbronn umfasste damals, ich meine, 21 Gemeinden. Die weiteste Gemeinde war rund 20 Kilometer entfernt. Das war also sehr überschaubar. Heute haben wir zum Teil viel größere Bezirke mit viel größeren Distanzen.

Wie haben Sie Familie, Beruf und das ehrenamtliche Engagement für die Neuapostolische Kirche unter einen Hut gebracht?

Ganz ehrlich: das war nicht immer einfach. Man steht da schon in einem schwierigen Verhältnis. Man arbeitet für den lieben Gott. So zumindest sehe ich das. Dann habe ich auch meinen Beruf sehr geliebt. Und ich liebe auch meine Familie! Und in diesem Dreieck habe ich immer versucht, die Kraft zu verteilen. Meistens habe ich mich dabei selbst ein bisschen vergessen, was auf Dauer auch nicht gut ist. Es war also immer ein Ringen um: Was ist jetzt notwendig? Und was macht Sinn? Und dann zu schauen, dass das, was man macht, man mit ganzem Herzen macht und nicht mit seinen Gedanken schon bei der nächsten Aufgabe ist.

Wie offen haben Sie gegenüber Ihrem Arbeitgeber und Kollegen kommuniziert, dass Sie für die Neuapostolische Kirche ehrenamtlich tätig sind? 

Damit bin ich immer offen umgegangen. In dem letzten Unternehmen, in dem ich tätig war, wussten die Leute, dass ich Bezirksältester bin. Es kam sogar mal ein Kollege zu mir, der zu mir gesagt hat: „Sie sind doch Bezirksältester! Sind Sie wirklich der älteste Mensch in Ihrer Gemeinde, in Ihrem Bezirk?“ Ich konnte ihm dann erklären, auf was das zurückzuführen ist: der Begriff Ältester ist ein biblischer Begriff, bezeugt auch schon im Neuen Testament. Da gab es Älteste, die waren verantwortlich für die Gemeinde. In der Neuapostolischen Kirche haben wir eben Gemeinden in Bezirken organisiert. Und da gab es einen Verantwortlichen für den Bezirk. Dieser bestand aus 20 bis 30 Gemeinden. Und damals gab es in der Neuapostolischen Kirche noch das Amt des Bezirksältesten. So wurde ich 2014 ins Bezirksältestenamt ordiniert.

Wie waren die Reaktionen der Kollegen?

Eigentlich durchweg positiv. Ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Es wurde sogar gemunkelt, dass ich einen Spitznamen hatte. Die Leute haben mich wohl Bruder Martin genannt.

Wechsel in den hauptamtlichen Dienst der Kirche

Schließlich sind Sie in den hauptamtlichen Dienst der Kirche gewechselt. Wie ist dies in Süddeutschland geregelt?

In Süddeutschland haben wir das in der Apostel- und Bischofssammlung folgendermaßen geregelt: Amtsträger, die in dieses Amt berufen werden, werden bei der Kirche hauptamtlich angestellt. Ich wurde im Juli 2017 zum Bischof ordiniert. Seit 2018 arbeite ich hauptamtlich bei der Kirche.

Wie schwer war dieser Schritt? 

Sehr schwer! Der war wirklich nicht einfach. Ich konnte nur „Ja“ sagen, weil ich zutiefst geglaubt habe, dass das ein göttlicher Ruf ist. Sonst hätte ich nicht gewechselt.

Wie sah der „neue“ Arbeitsalltag aus? 

Natürlich ganz anders! Ich konnte mich mehr um seelsorgerische Themen kümmern. Ich konnte Geschwister auch tagsüber besuchen. Vorher ging das nur abends. Ich konnte auch mal eine Gemeinde besuchen und mit Amtsträgern sprechen. Das war wirklich etwas, was mich sehr gefreut hat. 

Und dann hat mich der damalige Bezirksapostel Ehrich relativ schnell in Arbeitsgruppen hineingenommen. Das hat mir auch sehr viel Freude und Spaß gemacht: mit anderen Brüdern und Schwestern in Arbeitsgruppen zu arbeiten, im Netzwerk zu arbeiten.

Die Reisen kamen, glaube ich, 2019 dazu. Bezirksapostel Ehrich hat zu mir gesagt: „Bist du bereit, den Bereich an der Golfregion zu übernehmen?" Da begann dann meine Reisetätigkeit.

Sie wurden dann ins Apostelamt ordiniert. Kurzgefasst: was ist mit dem Amt eines Apostels an neuer Amtsvollmacht verbunden?

Ein Diakon in unserer Kirche hat die Vollmacht zur Wortverkündigung. Das heißt, der kann einen Wortgottesdienst durchführen. Und er darf am Ende des Gottesdienstes der Gemeinde den trinitarischen Segen spenden. Ein Priester in unserer Kirche hat genau dieselben Vollmachten. Und er kann zusätzlich mit der Gemeinde das Heilige Abendmahl feiern. Das heißt, die Konsekration der Hostien durchführen. Er kann im Auftrag des Apostels im Namen Jesu die Sündenvergebung verkündigen. Und der Priester kann eines unserer weiteren Sakramente, nämlich die Heilige Wassertaufe, spenden. Der Apostel, der kann neben diesen genannten Vollmachten Männer und Frauen in ein Amt ordinieren. Und er kann die Gabe Heiligen Geistes spenden.

An der Spitze der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland

Am 29. Juni 2025 wurden Sie in einem Gottesdienst in Regensburg zum Bezirksapostelhelfer ernannt. Ein Jahr später, am 21. Juni 2026 hat Sie Stammapostel Helge Mutschler als Bezirksapostel beauftragt. Wie sieht heute eine typische Arbeitswoche von Ihnen aus? 

Der Terminkalender ist voll. Und nicht nur für diese Woche, sondern für die anstehenden Wochen und Monate. Manchmal muss ich ein Radiointerview führen. Das habe ich vorher weniger gemacht. Wenn man sich den heutigen Tag anschaut: ich arbeite mit den Leitern der einzelnen Abteilungen hier im Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum zusammen. Das ist eine wichtige Aufgabe für mich. Ich stimme mich mit den Aposteln und Bischöfen ab. Wir haben in der kommenden Zeit eine Apostelversammlung. Ich bin unterwegs und halte Gottesdienste. Das bedarf einer Vorbereitung, einer Heiligung. Ja, und dann mach ich immer wieder auch Seelsorgebesuche. Damit sind die Tage angefüllt mit einer klassischen Verwaltungsarbeit, aber auch sehr viel mit geistlichen Aufgaben.

Sie sind nicht nur für die Gemeinden in Süddeutschland verantwortlich, sondern für weitere Gemeinden in rund 30 Ländern. Wie sieht es mit Reisen aus?

Wenn man das vergleicht: in Süddeutschland haben wir knapp 100.000 Geschwister. In Westafrika sind es eine Million Geschwister. In Süddeutschland sind wir 7 Apostel, in Westafrika sind es fast 50 Apostel. Da sieht man schon, wie die Verhältnisse verteilt sind. Und das bedingt natürlich, dass da Reisen notwendig sind. Man kann davon ausgehen, dass ich möglicherweise jeden Monat eine Reise unternehme: entweder in die arabischen Länder oder in die westafrikanischen Länder oder auf den Balkan. Und hoffentlich dann bald auch in die Ukraine.

Wo legen Sie besondere Schwerpunkte in Ihrer Arbeit? Welche Themen oder Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Themen oder Projekte liegen mir weniger am Herzen. Mir liegen die Menschen am Herzen! Das bedingt eine Arbeit, die mit Seelsorge, mit Geistlichkeit zu tun hat. Natürlich müssen wir schauen, dass Organisation funktioniert. Dass die Rahmenbedingungen da sind, dass diese Aufgabe gemacht werden kann. Aber das Erste muss das Erste bleiben, und das Zweite das Zweite. Also, ich lege meinen Schwerpunkt ganz klar auf das Thema „Seelsorge“. Dazu gehört der Gottesdienst, der Besuch bei den Geschwistern, die Ansprache an die Geistlichen und das Mitwirken. Das wird mein Fokus sein.

Das Interview wurde in Auszügen am Sonntag, den 9. August 2026, auf Bayern 2 ausgestrahlt.

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