Mit Bezirksapostel Eugen Startz verbindet sich ein bedeutendes Kapitel der neuapostolischen Geschichte in Bayern. Als erster Bezirksapostel des 1953 gegründeten Apostelbezirks Bayern prägte er über fast drei Jahrzehnte den Aufbau und die Entwicklung der Kirche in dieser Region. Sein außergewöhnliches Engagement, seine persönliche Bescheidenheit und seine große Verbundenheit mit den Gemeinden wirken bis heute nach.
Die Suche nach der Wahrheit
Eugen Startz erblickte am 2. August 1906 in Weidenstetten am Rand der Schwäbischen Alb das Licht der Welt. Schon als Schüler beschäftigte ihn die Frage, warum es in der heutigen Zeit keine Apostel mehr gebe. Weihnachten 1922 lud ihn sein Bruder Adolf erstmals zu einem Gottesdienst der Neuapostolischen Kirche ein. Nachdem dieser ihm in den folgenden Tagen von seinem Glauben erzählt hatte, besuchte Eugen Startz an Silvester 1922 seinen ersten Gottesdienst. Dieser wurde zum Wendepunkt in seinem Leben.
Schon kurz nach seinem Eintritt in die Kirche begann er, seinen Glauben mit anderen zu teilen. Bereits bei seiner Heiligen Versiegelung am 27. Oktober 1923 brachte er vier weitere Gläubige mit. Dieses Engagement und sein tiefes Vertrauen in Gott sollten sein gesamtes Leben bestimmen.
Dabei blieb er nicht von Rückschlägen verschont. Wegen seines kirchlichen Engagements verlor er mehrfach seine Arbeitsstelle und war zeitweise arbeitslos. Dennoch hielt er an seiner Glaubensüberzeugung fest und ließ sich von Widerständen nicht entmutigen.
Im Dienst der Gemeinden
1925 empfing Eugen Startz das Diakonenamt, zwei Jahre später das Priesteramt. Beruflich führte ihn sein Weg ins Allgäu, wo er neben seiner Arbeit mehrere Gemeinden betreute. Um seine kirchlichen Aufgaben besser wahrnehmen zu können, machte er sich bereits 1930 selbstständig. Ein Jahr später wurde er zum Evangelisten ordiniert.
Auch die Jahre des Zweiten Weltkriegs unterbrachen sein kirchliches Wirken nicht. Nach einer Verletzung wurde er im Innendienst eingesetzt und konnte von Kempten aus weiterhin Gemeinden im Allgäu betreuen. Nach Kriegsende übernahm er zunehmend Verantwortung: 1946 als Bezirksevangelist, 1947 als Bezirksältester und schließlich 1950 als Bischof.
Bezirksapostel für Bayern
Am 13. Juli 1952 ordinierte Stammapostel Johann Gottfried Bischoff Eugen Startz zum Apostel. Mit Wirkung vom 1. Januar 1953 wurden die bis dahin zum Apostelbezirk Württemberg gehörenden mehr als 260 neuapostolischen Gemeinden im Freistaat Bayern zu einem eigenständigen Apostelbezirk zusammengefasst und ihm als Bezirksapostel anvertraut.
In den folgenden drei Jahrzehnten leitete Bezirksapostel Startz den Aufbau und die Entwicklung der Kirche in Bayern. In seine Amtszeit fielen wichtige organisatorische und rechtliche Meilensteine. So trat am 8. März 1962 eine neue Verfassung in Kraft. Seitdem führte die Gebietskirche die Bezeichnung „Neuapostolische Kirche in Bayern, Körperschaft des öffentlichen Rechts“ mit Sitz in München.
Ein weiterer Meilenstein war die staatliche Anerkennung des neuapostolischen Religionsunterrichts. 1977 erkannte das Bayerische Staatsministerium den Religionsunterricht an Volksschulen als ordentliches Lehrfach im Sinne von Artikel 136 Absatz 2 der Bayerischen Verfassung an. Damit wurde die Stellung der Neuapostolischen Kirche im Freistaat weiter gefestigt.
Diese Entwicklung setzte sich über die Amtszeit von Bezirksapostel Startz hinaus fort. 1994 wurde der Religionsunterricht auch an Realschulen, Wirtschaftsschulen und Gymnasien staatlich anerkannt. Aus infrastrukturellen Gründen stellte die Neuapostolische Kirche den staatlichen Religionsunterricht in Bayern nach dem Schuljahr 2008/2009 wieder ein.
Neben diesen organisatorischen Entwicklungen blieb Eugen Startz vor allem Seelsorger. Unzählige Gottesdienste, Gemeinde- und Hausbesuche prägten seinen Alltag. Viele Gemeindemitglieder erinnern sich an ihn als aufmerksamen Zuhörer, der ihre persönlichen Lebensumstände kannte und verantwortungsvoll mit den finanziellen Mitteln der Kirche umging.
Mit Herz und Hingabe
Für Eugen Startz stand stets der Mensch im Mittelpunkt. Schon als Jugendlicher hatte er sich vorgenommen, keinen Tag verstreichen zu lassen, ohne mit anderen über seinen Glauben ins Gespräch zu kommen. Zahlreiche Gemeinden im Allgäu verdanken ihrem Entstehen oder ihrem Wachstum seinem unermüdlichen Einsatz.
Ein Rat, den er Amtsträgern häufig mitgab, ist bis heute überliefert:
„Eine gute Henne bleibt auf ihren Eiern sitzen, bis etwas herauskommt. Macht das auch so! Bleibt so lange auf den Seelen sitzen, bis etwas herauskommt.“
Die bildhafte Aussage beschreibt seine Haltung: Geduld, Ausdauer und das Vertrauen darauf, dass sich beharrlicher Einsatz für die Menschen lohnt.
Ein Seelsorger bis zuletzt
Mit seiner Ruhesetzung am 28. November 1982 endete zwar seine aktive Amtszeit, nicht jedoch sein Engagement. Gleichzeitig übernahm der württembergische Bezirksapostel Karl Kühnle zusätzlich die Verantwortung für die Gebietskirche Bayern, die als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts bestehen blieb. Damit hatten die Gemeinden in Bayern und Württemberg nach fast 30 Jahren wieder einen gemeinsamen Bezirksapostel.
Auch im Ruhestand besuchte Eugen Startz regelmäßig kranke und verwitwete Gemeindemitglieder und hielt den Kontakt zu vielen Menschen, die er über Jahrzehnte begleitet hatte. Anlässlich seines 90. Geburtstags würdigte sein Nachfolger Bezirksapostel Klaus Saur dieses Lebenswerk besonders.
Abschied und Vermächtnis
Am 27. Mai 1997 starb Bezirksapostel i. R. Eugen Startz im Alter von 90 Jahren in München. Den Trauergottesdienst hielt Bezirksapostel Klaus Saur im Auftrag von Stammapostel Richard Fehr. Er legte dem Gottesdienst das Bibelwort aus 2. Timotheus, Kapitel 4, die Verse 7 und 8 zugrunde:
„Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.“
In seiner Ansprache würdigte Bezirksapostel Saur den Verstorbenen mit den Worten:
„Sein Leben lang kämpfte er für Gott und sein Werk, für die anvertrauten Seelen und gegen Satan und die Sünde.“
Eugen Startz prägte die Entwicklung der Neuapostolischen Kirche in Bayern nachhaltig. Nach seiner Amtszeit blieb die bayerische Gebietskirche zunächst eigenständig. Zum 1. Januar 2002 schloss sie sich mit der Gebietskirche Baden-Württemberg zur heutigen Gebietskirche Süddeutschland zusammen.
Das Lebenswerk von Eugen Startz bleibt untrennbar mit der Geschichte der Neuapostolischen Kirche in Bayern verbunden. Als erster Bezirksapostel des Freistaats legte er wichtige Grundlagen für deren Entwicklung und prägte Generationen von Gemeindemitgliedern durch sein Wirken und seine Persönlichkeit.
Quelle: Zentralarchiv der Neuapostolischen Kirche Westdeutschland